Bürokratie in Banjul – Alles anders, als geplant

26.4. 2018, Banjul

Nachtrag

Ja, das Wüstenschiff hat Gambia erreicht und unsere Mission, den Bus bis hierher zu bringen ist erfüllt. Doch noch ist das Wüstenschiff auf Andi angemeldet, die Nummerntafel muss noch bewilligt und angebracht werden und vor allem: der Bus hat den Zoll von Barra/Banjul noch nicht passiert!

Ein Tag, der uns mit den inneren Schwierigkeiten der westafrikanischen Ländern  in Berührung bringt, steht bevor und Andi und Willi stoßen an ihre Grenzen. Doch vor allem unser Freund Yusuf muss sich einer inneren Zerreißprobe stellen. Denn der gambische Beamtenapparat lässt ihn mit aller Härte spüren, wie er jene behandelt, die aus dem System ausbrechen wollen. Schwer getroffen, in seiner Heimat so behandelt zu werden, stellt er sich dennoch der Herausforderung.

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Aber, jetzt erst mal der Reihe nach.

Und täglich grüßt die Zollstation

Um 5 Uhr morgens stehen wir auf, denn Yusuf möchte mit der ersten Fähre zurück zum Zoll. Keine Zeit verlieren! Und die Sorge, dass der Bus keine Platz auf der Fähre bekommt, brennt ganz schön. Doch der bestellte Taxifahrer kommt und kommt nicht.

Also beschließen wir, zur Hauptstraße zu laufen und zwar schnurstracks durch den Sand. Doch wo war noch mal die Hauptstraße?

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In der Dunkelheit zeichnet sich weit hinten eine Straße von Lichtern ab. Das wird sie sein! Doch wie wir wenig später feststellen, haben wir uns geirrt. So verlieren wir wertvolle Zeit, indem wir erstmal im Kreis laufen, bis wir endlich den richtigen Weg finden und auch gleich ein Taxi hält.

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Die erste Fähre schaffen wir trotzdem nicht mehr. „6 to 6“ seufzt Yusuf, als er auf die Uhr blickt und der Taxifahrer aufs Gas tritt. „Macht nichts,“ versucht Yusuf seine Enttäuschung zu verbergen, „die nächste Fähre geht in einer halben Stunde.“ Er hat Vorbereitungen getroffen, bevor wir zu ihm nach Banjul kamen. Er hat Bekannte und Freunde organisiert, die uns beim Zoll in Barra, beim Transport des Busses mit der Fähre und bei der Zulassungsstelle in Banjul helfen sollen.

„This is a big big story“ wiederholt Yusuf als wir endlich auf der Fähre in Richtung Barra blicken. Die Dämmerung hebt sich und zeigt uns ein geschäftiges Bild der Menschen auf der Fähre und im Wasser.

 

Als wir in Barra ankommen, steigen wir in ein Taxi und lassen uns vom Fährhafen zur Zollstation bringen. Ein Straßenschild Richtung Farafenni sticht uns ins Auge und die Gedanken an Yusuf Familie tauchen auf. Doch schon hält das Taxi und wir begegnen Hadi, der nun mit Hilfe einer Liste sicherstellen will, dass alle Hilfsgüter im Bus registriert werden. Wir folgen ihm und treffen auf Yusuf’s Geschäftspartner für das zukünftige Busunternehmen: Mbye, den Busfahrer und seinen Freund Tallah, den Taxifahrer. Auch der Zollbeamte Ismael kommt hinzu, der uns beim Verfrachten des Wüstenschiffs auf die Fähre behilflich sein möchte. „Nice yellow bicycles!“stellt er fest.

 

Mittlerweile sind auch Andi und Willi dazugestoßen, und gemeinsam fahren wir zum Hafen, um mit dem Bus auf die Fähre zu kommen. Doch leider müssen wir mitansehen,  wie eine Schiff nach dem anderen ohne uns beladen wird. Immer wieder zieht ein Ordnungsbeamter die Metallabsperrungen mit einem unerträglich lauten Scheppern vor uns zu. Hier müssen wir anscheinend länger warten und Philip nutzt die Gelegenheit, ein paar Aufnahmen zu machen. Doch schon erscheint ein Mann, der sich als Polizist ausgibt und Philip zwingt, seine Bilder zu löschen. Ismael eilt ihm zu Hilfe und enttarnt den Mann als Scheinpolizist: „This is too much!“ Es folgen ein paar weitere Sätze in Wolof – einer der Landessprachen in Westafrika – bevor sich der Mann aus dem Staub macht. Geknickt macht er uns verständlich, wie sehr er sich für dieses Verhalten seines Landsmannes schämt. Er versucht uns begreiflich zu machen, wie das afrikanische Zollsystem funktioniert: Irgendetwas muss irgendjemandem erklärt werden, vorher gibt es kein Weiterkommen. Wie bitte?

Die Sonne brennt unaufhörlich auf uns nieder und wir merken, wie die Erklärungsversuche einfach nicht zu uns durchdringen. Wir fühlen nur, wie diese Abhängigkeit uns ungeduldig macht: Ungeduldig gegenüber dem korrupten System oder gegenüber der eigenen Handlungsunfähigkeit? Wir wissen es nicht mehr. Verwirrung.

Gut, dass Yusuf uns immer mit kühlen Wasser versorgt und auch ein paar Geschäftsfrauen in den Bus einlädt, die uns frisches Obst verkaufen.


Wenig später – die Gründe bleiben im Dunkeln – dürfen wir auf die Fähre. In Barra rollt der Bus auf das Schiff und in Banjul wieder herunter.

 

Zulassungsschein und Fahrzeugpapiere, bitte!

Doch ganz haben wir es noch nicht geschafft. Jetzt muss der Bus angemeldet werden. Und dafür brauchen wir ein weiteres OK vom Zoll – jetzt in Banjul – und müssen zuerst einmal zur Zulassungsstelle. Wir verabschieden uns von Ismael, der uns Alles Gute wünscht. Doch bevor er geht, erkundigt er sich noch einmal ganz genau nach den schönen, gelben Fahrrädern, die sich in unserem Wüstenschiff befinden. Und, ob er eines haben könnte. „Schluss mit Bakshish“, denkt sich Andi und erklärt ihm sehr sachlich, dass sie den Kindern in Farafenni versprochen sind.

 

Dann also auf zur Zulassungsstelle! Hier kommen wir ins Büro von Hamed, der eine wichtige Person im Büro der Zulassungsstelle zu sein scheint.

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Als er sich die Papiere anschaut, schüttelt er den Kopf. Leider sind sie nicht vollständig! Es fehlen noch weitere Unterlagen und vor allem einige Stempel. Ein Blick zu Andi erzählt Bände. Er kann es einfach nicht glauben, dass wir hier auf so viele Hürden stoßen. Und Yusuf? Der ist völlig verzweifelt. 700 EURO hat er einem Beamten bezahlt, damit dieser alle Papiere mit den gültigen Stempeln vorbereite!

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Da taucht Nala auf.

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Eine junge und kompetente Frau, die uns zurück zum Zoll begleitet, um die fehlenden Stempel zu ergattern. Und der Spießrutenlauf zwischen den Behörden von Banjul beginnt. Wir laufen zum Zoll, wir laufen zum Bus …

 

… und zurück zur Zulassungsstelle.

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Dort angekommen scheint es wieder Unklarheiten zu geben. Hamed telefoniert mit zwei Handys, auf beiden Ohren gleichzeitig. „They want to pull money“, sagte er, aber er werde das nicht zulassen. „Alles nur Show,“ zischt Andi zwischen den Zähnen.

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Schließlich gibt es ein Formular, Unterschriften, einen Stempel und eine Summe, die bezahlt werden muss. Interessanter Weise unterscheidet sich die Zahl, die auf dem Formular eingetragen ist deutlich von jener, die Hamed im Gespräch nennt.

Das gefällt uns gar nicht. Andi fragt nach, was denn der Grund für diesen – subtilen – Preisanstieg sei und ob er einen Beleg der Gesamtsumme haben könne, da er dies für die Buchhaltung der Spendengelder benötige. Die Frage beantwortet Hamed auf Mandinka, einer weiteren Landessprache in Gambia. Daraufhin bittet ihn Yusuf Englisch zu sprechen und dies ist seine Antwort:  „See, I wan’t to help you. If you want something, you have to give something.“

Wir merken, dass wir keine Chance haben. Wenn wir den Bus anmelden wollen, müssen wir bezahlen. Und so wechseln viele Scheine den Besitzer. Dass Yusufs Name noch nicht im Zulassungsschein steht, sei kein Problem. „You just say, everything is in process. See, my friend, I want to help you!“

 

Also verlassen wir mit den Papieren das Büro und kehren zum Bus zurück, wo Willi schon den halben Tag lang wartet. Nala eilt uns noch einmal nach. Der Stempel auf dem Papier bedeutet, dass die Summe bereits gezahlt wurde und das Dokument somit gültig sei. Bald wird Yusuf seine Nummerntafel für den Bus bekommen.

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Einen ganzen Tag lang haben wir um das Wüstenschiff gekämpft. Viermal mussten wir zwischen dem Zoll, dem Bus und der Zulassungsstelle hin und her laufen. Das Ergebnis ist unbefriedigend: Ein uneindeutiges Formular und keine Nummerntafel. Trotz der Zusicherung von Nala haben wir das Gefühl, mit leeren Händen in Leo’s Beach Hotel zurückzukehren. Die Stimmung ist mehr als gedrückt, als wir uns auf den Weg machen.


Mbye – der Busfahrer – bricht das Schweigen: „Today my heart feels sad. And I am not proud to be African. It’s not a thing of color, but if in Africa somebody wants to go up, they always try to put you down.“ Yusuf nickt und fügt leise hinzu: „You know… It is always the same… This is one of the reasons why I need to help my family. But it is … difficult.“

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