(16) Auf dem Weg nach Rosso zur Grenze Senegals

Die Fahrt nach Rosso

Leider haben wir die Anweisung des Captains – safety first – zu ernst genommen: Bettruhe um 4.00 und Tagwache um 7.00 ist zur vorherrschenden Hitze eine Herausforderung. So beginnt dieser Morgen für einige Crewmitglieder mit einer leichten Katerstimmung.

Im Foyer pirscht der Captain ungeduldig auf und ab. Das Frühstück ist noch nicht fertig, dabei ist es bereits 7:10. Auf seinen Schultern lastet heute eine besondere Verantwortung, die seine Stimmung verständlich macht: Tagesziel ist Saint Louis im Senegal. Doch zuvor muss der Grenzübergang Rosso geschafft und die Fähre erreicht werden.

Bus vor Hotel (Nouakchott)

Daher können wir nicht länger warten und ein großer Teil des Frühstücks wird eingepackt und in den Bus gebracht.

Als alle ihre Plätze eingenommen haben, brechen wir auf. Sidi, gewohnt ruhig an der Heckscheibe des Busses stehend, warnt uns vor: Die Straße von Nouakchott bis nach Rosso ist schlecht in Schuss.

Was das wirklich heißt, lernen wir kurz darauf am eigenen Leib kennen. Es rumpelt und holpert gewaltig im Wüstenschiff. Teilweise muss die ganze Breite der Straße in Schlangenlinien gefahren werden, um den Löchern in der Straße ausweichen zu können.

Löcher

Doch Fahrer Rene lässt sich nicht unterkriegen. Zielstrebig folgt er den Anweisungen von Sidi, der ihn an den Unebenheiten (teilweise Kratern!) vorbeinavigiert. “Links, links, links!” ruft Sidi und schon ist das Lenkrad in Position gebracht. Die Beiden würden ein tolles Ralley-Team abgeben.

Piep Piep ist hier das Zauberwort, das den afrikanischen Verkehr beherrscht. Wir würden es wohl mit Tüt Tüt übersetzen. Gemeint ist damit das Hupen, dass genauso selbstverständlich zum Verkehrsgeschehen gehört, wie die Straßenschilder. Trocken und gerade erklärt uns Sidi, was es damit auf sich hat: „Piep Piep – no accident; No Piep Piep – accident.“ Wir verstehen und denken uns: Warum kompliziert, wenn es einfach auch zu erklären ist.

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“Es ist 11.00!” sagt Inge. “Oh,” meint Andi, “GT-Time!”. Schon greifen die beiden Geschwister Inge und Andi zum Schneidebrett und den Zitronen. Und schnell ist der Gin Tonic von den geübten Händen zubereitet!

Draußen liegt der Sand nicht nur in der Luft, sondern auch auf der Straße. Wir fahren so langsam, dass Lukas interessante Posen zum Fotografieren finden und Philip und Nika aus dem Bus springen, um ihn von außen zu betrachten.

 

Der Bus schiebt sich langsam über den holprigen Untergrund und passiert dabei kleine Dörfer.

Bildschirmfoto 2018-04-25 um 13.16.23

Esel, Ziegen und Hühner halten die Menschen sich hier, in ihren bescheidenen Behausungen. Doch sie wirken unendlich entspannt, im Schatten unter den Bäumen, ins Gespräch vertieft. “Kann es Abstufungen in der Intensität des Glücks geben?” fragen wir uns und merken, wie weit wir von unserem Alltagsleben in Österreich entfernt sind.

So vergehen die Stunden. Draußen hat sich erneut das Bild geändert. Roter Sand, der sich mit weißem abwechselt, dazwischen Dornbüsche und die Bäume der Savanne.

Baum

So schön die Gegend ist, die Ruckelei im Bus und die stetig steigende Hitze setzen uns ganz schön zu. Plötzlich dreht sich Sidi um und sagt: “Bald werden wir Rosso erreichen. Dann können wir Kaffee kochen und etwas zu Essen machen… Hauptsache, es ist in der Nähe des Busses.”

Als er unsere fragenden Gesichter sieht, erklärt er wie korrupt der Grenzübergang sei. Es sei einfach sicherer, sich innerhalb des Busses anstatt außerhalb aufzuhalten.

Bildschirmfoto 2018-04-24_Sidierklärt um 11.40.22

Wir erreichen Rosso um 14.00. So schnell können wir gar nicht schauen, da ist unser Bus auch schon umringt von jungen und alten Männern. So wird der Bus in die kleine Ansiedelung vor dem Fährenübergang geleitet, bis er stehen bleibt.

Wie die Katzen umschleichen die Männer unseren Bus. Manche deuten mit dem Finger auf den Mund und zeigen uns, dass sie Essen möchten. Über die Kekse und Süßigkeiten, die wir ihnen anbieten, freuen sie sich allerdings nicht. Widerwillig nehmen sie das Geschenk an, aber Geld wäre ihnen lieber gewesen.

Währenddessen bewacht Sidi – der Guardian Angel –  unseren Bus ritterlich.

 

Mal macht er den bettelnden Kindern deutlich, dass sie hier nichts bekommen werden – mal herrscht er die korrupten Dealer an, sich von uns fern zu halten. Nur kurz verlässt er uns, um die Papiere fertig zu machen.

Eine junge Frau mit nacken Schultern und engem Bustier taucht zwischen den geparkten LKWs auf. In ihrer zierlichen Hand hält sie einen schwarzen Sonnenschirm. Sie streckt ihn immer wieder in die Luft, gerade so, dass ihn ein Windstoß ergreift und ihn nach hinten zieht. Um den Schirm nicht zu verlieren, benötigt es einiges an aufwendiger Verbiegung, die – wie zufällig – ihren schönen Körper gekonnt in Szene setzen. Ein großes Bravo für diesen Körpereinsatz!

In der Hitze des Nachmittags kochen wir Kaffee und denken uns, dass die paar Grad das Kraut auch nicht mehr fett machen.

Sidi kehrt mit einer großen, silbernen Schüssel zurück. “Traditional african food,” sagt er und öffnet den Deckel.

Er isst ein paar Löffel und geht wieder nach draußen, um etwas zu regeln, während wir uns den Bauch voll schlagen. Dabei sind manche von uns vorsichtiger als andere.

Sidi kehrt mit einem Mann namens Moulaye zurück. Er stellt ihn uns als Vertrauensmann aus dem Senegal vor, der uns von nun an begleiten wird.

Da erscheint auch schon die Fähre. Und wir setzen über.

Sidi hat seinen Job sehr gut gemacht, denn wir dürfen als erste auf das Schiff. In wenigen Minuten setzt es über und das bedeutet Abschied. Wir schütteln Sidi die Hände und umarmen ihn. Er hat uns nicht nur sehr geholfen – es war auch ein absolutes plaisir ihn kennenzulernen. Sidi – wir werden dich vermissen.

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Kurz nach der Grenze im Senegal

Kaum haben wir das Festland erreicht, wird Andi von unserem neuen Vertrauensmann an der Schulter aus dem Bus gezogen. Ein junger Mann springt herein, zeigt uns einen roten Bon und ruft uns zu, den Bus hier rauszufahren. Ohne Pässe, denn die hat ja Andi, starten wir den Bus und folgen den Anweisungen des Mannes. Kurz nach dem Visaposten heißt er uns anhalten. 30 Euro möchte er für den roten Bon haben. “Billet de sortie… Billet de sortie”, sagt er. Doch wir zahlen nichts, so ist es mit Moulaye vereinbart.

Wir steigen aus, denn die Temperatur im Bus ist derart gestiegen, dass es uns auf den Kreislauf schlägt. Außerdem wissen wir nicht, wie lange wir noch auf die Rückkehr der anderen warten müssen.

Nach einer Weile haben uns zwei Buben erspäht und nähern sich dem Bus. Es ist Zeit, den Kleinen ein paar Mitbringsel zu überreichen. Inge holt zwei Sonnenbrillen, Stifte und Blöcke.

 

Nach knapp zwei Stunden kehren Andi und Willi zurück. “Viele Formalitäten,” meinen sie. “Der eine hat mir geraten, mir fürs nächste Mal eine andere Hautfarbe zuzulegen, dann gehts schneller!” lacht Willi. Unser Vertrauensmann kommt und erklärt uns kurzer Hand, dass wir jetzt nach Saint Louis fahren. Er steigt in sein Auto und wir folgen ihm.

Die Fahrt auf der schlechten Straße und der Grenzübergang haben viel Zeit gekostet.

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Um 22.30 erreichen wir das außerhalb der Stadt liegende Hotel. Doch Andi kehrt unzufrieden von der Zimmerinspektion zurück. Die Zimmer seien nicht sehr sauber. Moulaye entschuldigt sich. Durch unsere verspätete Ankunft wäre das Hotel, dass er eigentlich gebucht hatte, nicht mehr verfügbar. Doch schon greift er zum Handy und löst das Problem.

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Im Taxi werden wir ins Zentrum gefahren.

 

Das Hotel Poste liegt schön neben dem Fluss im Zentrum von Saint Louis, das Antoine de Saint-Exupéry gewidmet ist. Wir lassen den Abend bei einer Flasche Gazelle-Bier ausklingen und scherzen herum, trotz Müdigkeit.

Doch Willi, Lukas und Andreas scheinen noch irgendwo geheime Energiereserven angezapft zu haben, denn nach der zweiten Flasche Bier verkünden sie uns, doch noch ein wenig in die Stadt zu schauen.

Rene, Inge, Nika und Philip sind zu müde und gönnen sich eine entspannte Dusche vor dem Schlafengehen. Willi, Andi und Lukas hingegen machen sich auf, um noch ein paar kulinarische Highlights zu erkunden.

Die einen im Trubel der Nacht, die anderen zufrieden in ihren Betten. Alle jedoch fiebern hin auf den nächsten Tag: Die letzte Etappe des Abenteuers, die Grenze nach Gambia und die Ankunft in Banjul.

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