(10) Schiffbruch in der Westsahara

19.4. 2018, Südmarokko

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Im Bus ist Ruhe eingekehrt: Lukas schläft in seiner Hängematte, Inge auf mitgebrachten Kissen und Decken. Rene und Andreas unterstützen Willi mit mentaler Konzentration beim Fahren. Philip und Nika arbeiten an ihren Laptops, um die eingefangenen Bilder und Eindrücke für die Berichterstattung zu verarbeiten. Es herrschen verschärfte Arbeitsbedingungen im Wüstenschiff: Wie lange hält der Akku? Wann haben wir eine stabile Internetverbindung?

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Es erwarten uns gute Straßenverhältnisse auf dem Weg Richtung Tarfaya. Der Bus rollt tapfer über den Asphalt, die Crew ist gut gelaunt. Der Nebel liegt über dem Sand der Wüste und hüllt die Landschaft in diffuses Licht. Bald schon erheben sich die ersten Sanddünen neben uns, entfernt rauscht das Meer und Kamele begegnen uns.

Berauscht und fasziniert von dieser unwirklichen Welt aus Sand und endloser, menschenleerer Weite meldet sich dann doch ein sehr elementares Bedürfnis bei der Crew. Also hält Willi den Bus an: Pinkelpause.

Viel Zeit bleibt uns nicht, um die Gegend zu bewundern. Das Tagesziel drängt. So bereitet Inge eine kleine Jause im Bus zu und erinnert uns an die erste Tablette der Malariaprophylaxe. Unaufhörlich rollt währenddessen das Wüstenschiff.

Wir freuen uns, da wir Stunde um Stunde die Verzögerungen am Zoll wett machen und die Anstrengungen von Tanger Med immer mehr in Vergessenheit gerät. Bald kann der Zeitplan wie gehabt fortgesetzt werden und in Gedanken rückt Gambia näher.

Da plötzlich, ein Aufschrei. Rene springt aus dem Sitz und rennt in den hinteren Teil des Fahrzeugs. „Stehen bleiben, stehen bleiben!“ ruft er quer durch den Bus. Andi – der mittlerweile am Steuer sitzt, steigt auf die Bremsen. Längst schon hat er den Rauch im Rückspiegel gesehen. Er öffnet die Tür. Rene stürzt mit dem Feuerlöscher hinaus. Der Schock sitzt allen in den Gliedern, aber bald gibt es Entwarnung! Kein Feuer – keine Gefahr.

Doch das Wüstenschiff hat Schiffbruch erlitten – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Dieselleitung ist gebrochen, Treibstoff rinnt aus.21 Leitung

Unsere Mechaniker versuchen, den Schaden zu beheben. Nach einiger Zeit aber ist klar, dass wir ein Ersatzteil brauchen. Und gerade die Dieselzuleitung ist nicht mit im Gepäck.

Wir stehen mitten in der Westsahara, 60 Kilometer vom nächsten Ort entfernt und kommen nicht weiter.

Wie es der Zufall will, ruft Mhamed an. Er möchte sich erkundigen, wann wir Boujdour passieren. Er wünscht sich noch ein Foto mit uns und der hiesigen Projektverantwortlichen von Amis des Écoles. Wir schildern ihm die Situation und Mhamed setzt alle Hebel in Bewegung, um uns zu helfen.

In Boujdour wird ein Ersatzteil aufgetrieben. Willi hält einen Truck an, um dorthin zu kommen. Währenddessen vergehen die Stunden des Wartens in der Westsahara. Geübt aus Tanger Med, begegnet der Rest der Crew der Situation gelassen. Wir trinken Whiskey und lernen andere Reisende kennen.

Ungefähr 3 Stunden später kehrt Willi mit der Projektverantwortlichen Khado und ihrem Bruder Ibrahim zurück. Das Ersatzteil wird eingebaut.

Nach der Reparatur wird der Zündschlüssel gedreht. Doch kaum ist der Motor angesprungen, zerfetzt es die Zuleitung der Kühlflüssigkeit und die Jungs müssen wieder ran. Eine weitere Reparatur für eine Stunde.

Als wir fertig sind, können wir endlich das gewünschte Foto mit Khado und Ibrahim machen.

Die beiden erklären sich bereit, noch mehr ihrer Zeit für uns aufzuwenden, um bei einer Testfahrt hinter uns zu bleiben. Für den Fall, dass noch weitere Probleme auftreten. Wir starten und fahren wenige Meter, doch die neue Leitung hält dem Druck nicht Stand. Das Wüstenschiff streikt.

Mittlerweile ist es Abend geworden und wir stehen unentschlossen in der Wüste. Und da taucht auch noch eine Polizeistreife auf. Ob wir jetzt Probleme bekommen?

Doch Marokko überrascht uns erneut mit seiner Freundlichkeit, denn die Polizisten sind nicht gekommen, um uns zu kontrollieren, sondern um uns zu helfen. Sie bieten uns an, den Bus bei der Polizeistation zu parken, damit wir in Ruhe in ein Hotel nach Boujdour fahren können. Da heute keine Werkstatt mehr offen hat, nehmen wir das Angebot gerne an. Wir klettern in das Auto von Ibrahim und fahren in die Stadt.

Am Ende des Tages erreichen wir das Hotel Taiba und beziehen unsere Zimmer. Was für ein Glück, dass wir Amal und die Leute von Amis des Écoles kennengelernt haben! Dankbar und müde fallen wir ins Bett.

 

 

 

 

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