Bürokratie in Banjul – Alles anders, als geplant

26.4. 2018, Banjul

Nachtrag

Ja, das Wüstenschiff hat Gambia erreicht und unsere Mission, den Bus bis hierher zu bringen ist erfüllt. Doch noch ist das Wüstenschiff auf Andi angemeldet, die Nummerntafel muss noch bewilligt und angebracht werden und vor allem: der Bus hat den Zoll von Barra/Banjul noch nicht passiert!

Ein Tag, der uns mit den inneren Schwierigkeiten der westafrikanischen Ländern  in Berührung bringt, steht bevor und Andi und Willi stoßen an ihre Grenzen. Doch vor allem unser Freund Yusuf muss sich einer inneren Zerreißprobe stellen. Denn der gambische Beamtenapparat lässt ihn mit aller Härte spüren, wie er jene behandelt, die aus dem System ausbrechen wollen. Schwer getroffen, in seiner Heimat so behandelt zu werden, stellt er sich dennoch der Herausforderung.

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Aber, jetzt erst mal der Reihe nach.

Und täglich grüßt die Zollstation

Um 5 Uhr morgens stehen wir auf, denn Yusuf möchte mit der ersten Fähre zurück zum Zoll. Keine Zeit verlieren! Und die Sorge, dass der Bus keine Platz auf der Fähre bekommt, brennt ganz schön. Doch der bestellte Taxifahrer kommt und kommt nicht.

Also beschließen wir, zur Hauptstraße zu laufen und zwar schnurstracks durch den Sand. Doch wo war noch mal die Hauptstraße?

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In der Dunkelheit zeichnet sich weit hinten eine Straße von Lichtern ab. Das wird sie sein! Doch wie wir wenig später feststellen, haben wir uns geirrt. So verlieren wir wertvolle Zeit, indem wir erstmal im Kreis laufen, bis wir endlich den richtigen Weg finden und auch gleich ein Taxi hält.

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Die erste Fähre schaffen wir trotzdem nicht mehr. „6 to 6“ seufzt Yusuf, als er auf die Uhr blickt und der Taxifahrer aufs Gas tritt. „Macht nichts,“ versucht Yusuf seine Enttäuschung zu verbergen, „die nächste Fähre geht in einer halben Stunde.“ Er hat Vorbereitungen getroffen, bevor wir zu ihm nach Banjul kamen. Er hat Bekannte und Freunde organisiert, die uns beim Zoll in Barra, beim Transport des Busses mit der Fähre und bei der Zulassungsstelle in Banjul helfen sollen.

„This is a big big story“ wiederholt Yusuf als wir endlich auf der Fähre in Richtung Barra blicken. Die Dämmerung hebt sich und zeigt uns ein geschäftiges Bild der Menschen auf der Fähre und im Wasser.

 

Als wir in Barra ankommen, steigen wir in ein Taxi und lassen uns vom Fährhafen zur Zollstation bringen. Ein Straßenschild Richtung Farafenni sticht uns ins Auge und die Gedanken an Yusuf Familie tauchen auf. Doch schon hält das Taxi und wir begegnen Hadi, der nun mit Hilfe einer Liste sicherstellen will, dass alle Hilfsgüter im Bus registriert werden. Wir folgen ihm und treffen auf Yusuf’s Geschäftspartner für das zukünftige Busunternehmen: Mbye, den Busfahrer und seinen Freund Tallah, den Taxifahrer. Auch der Zollbeamte Ismael kommt hinzu, der uns beim Verfrachten des Wüstenschiffs auf die Fähre behilflich sein möchte. „Nice yellow bicycles!“stellt er fest.

 

Mittlerweile sind auch Andi und Willi dazugestoßen, und gemeinsam fahren wir zum Hafen, um mit dem Bus auf die Fähre zu kommen. Doch leider müssen wir mitansehen,  wie eine Schiff nach dem anderen ohne uns beladen wird. Immer wieder zieht ein Ordnungsbeamter die Metallabsperrungen mit einem unerträglich lauten Scheppern vor uns zu. Hier müssen wir anscheinend länger warten und Philip nutzt die Gelegenheit, ein paar Aufnahmen zu machen. Doch schon erscheint ein Mann, der sich als Polizist ausgibt und Philip zwingt, seine Bilder zu löschen. Ismael eilt ihm zu Hilfe und enttarnt den Mann als Scheinpolizist: „This is too much!“ Es folgen ein paar weitere Sätze in Wolof – einer der Landessprachen in Westafrika – bevor sich der Mann aus dem Staub macht. Geknickt macht er uns verständlich, wie sehr er sich für dieses Verhalten seines Landsmannes schämt. Er versucht uns begreiflich zu machen, wie das afrikanische Zollsystem funktioniert: Irgendetwas muss irgendjemandem erklärt werden, vorher gibt es kein Weiterkommen. Wie bitte?

Die Sonne brennt unaufhörlich auf uns nieder und wir merken, wie die Erklärungsversuche einfach nicht zu uns durchdringen. Wir fühlen nur, wie diese Abhängigkeit uns ungeduldig macht: Ungeduldig gegenüber dem korrupten System oder gegenüber der eigenen Handlungsunfähigkeit? Wir wissen es nicht mehr. Verwirrung.

Gut, dass Yusuf uns immer mit kühlen Wasser versorgt und auch ein paar Geschäftsfrauen in den Bus einlädt, die uns frisches Obst verkaufen.


Wenig später – die Gründe bleiben im Dunkeln – dürfen wir auf die Fähre. In Barra rollt der Bus auf das Schiff und in Banjul wieder herunter.

 

Zulassungsschein und Fahrzeugpapiere, bitte!

Doch ganz haben wir es noch nicht geschafft. Jetzt muss der Bus angemeldet werden. Und dafür brauchen wir ein weiteres OK vom Zoll – jetzt in Banjul – und müssen zuerst einmal zur Zulassungsstelle. Wir verabschieden uns von Ismael, der uns Alles Gute wünscht. Doch bevor er geht, erkundigt er sich noch einmal ganz genau nach den schönen, gelben Fahrrädern, die sich in unserem Wüstenschiff befinden. Und, ob er eines haben könnte. „Schluss mit Bakshish“, denkt sich Andi und erklärt ihm sehr sachlich, dass sie den Kindern in Farafenni versprochen sind.

 

Dann also auf zur Zulassungsstelle! Hier kommen wir ins Büro von Hamed, der eine wichtige Person im Büro der Zulassungsstelle zu sein scheint.

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Als er sich die Papiere anschaut, schüttelt er den Kopf. Leider sind sie nicht vollständig! Es fehlen noch weitere Unterlagen und vor allem einige Stempel. Ein Blick zu Andi erzählt Bände. Er kann es einfach nicht glauben, dass wir hier auf so viele Hürden stoßen. Und Yusuf? Der ist völlig verzweifelt. 700 EURO hat er einem Beamten bezahlt, damit dieser alle Papiere mit den gültigen Stempeln vorbereite!

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Da taucht Nala auf.

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Eine junge und kompetente Frau, die uns zurück zum Zoll begleitet, um die fehlenden Stempel zu ergattern. Und der Spießrutenlauf zwischen den Behörden von Banjul beginnt. Wir laufen zum Zoll, wir laufen zum Bus …

 

… und zurück zur Zulassungsstelle.

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Dort angekommen scheint es wieder Unklarheiten zu geben. Hamed telefoniert mit zwei Handys, auf beiden Ohren gleichzeitig. „They want to pull money“, sagte er, aber er werde das nicht zulassen. „Alles nur Show,“ zischt Andi zwischen den Zähnen.

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Schließlich gibt es ein Formular, Unterschriften, einen Stempel und eine Summe, die bezahlt werden muss. Interessanter Weise unterscheidet sich die Zahl, die auf dem Formular eingetragen ist deutlich von jener, die Hamed im Gespräch nennt.

Das gefällt uns gar nicht. Andi fragt nach, was denn der Grund für diesen – subtilen – Preisanstieg sei und ob er einen Beleg der Gesamtsumme haben könne, da er dies für die Buchhaltung der Spendengelder benötige. Die Frage beantwortet Hamed auf Mandinka, einer weiteren Landessprache in Gambia. Daraufhin bittet ihn Yusuf Englisch zu sprechen und dies ist seine Antwort:  „See, I wan’t to help you. If you want something, you have to give something.“

Wir merken, dass wir keine Chance haben. Wenn wir den Bus anmelden wollen, müssen wir bezahlen. Und so wechseln viele Scheine den Besitzer. Dass Yusufs Name noch nicht im Zulassungsschein steht, sei kein Problem. „You just say, everything is in process. See, my friend, I want to help you!“

 

Also verlassen wir mit den Papieren das Büro und kehren zum Bus zurück, wo Willi schon den halben Tag lang wartet. Nala eilt uns noch einmal nach. Der Stempel auf dem Papier bedeutet, dass die Summe bereits gezahlt wurde und das Dokument somit gültig sei. Bald wird Yusuf seine Nummerntafel für den Bus bekommen.

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Einen ganzen Tag lang haben wir um das Wüstenschiff gekämpft. Viermal mussten wir zwischen dem Zoll, dem Bus und der Zulassungsstelle hin und her laufen. Das Ergebnis ist unbefriedigend: Ein uneindeutiges Formular und keine Nummerntafel. Trotz der Zusicherung von Nala haben wir das Gefühl, mit leeren Händen in Leo’s Beach Hotel zurückzukehren. Die Stimmung ist mehr als gedrückt, als wir uns auf den Weg machen.


Mbye – der Busfahrer – bricht das Schweigen: „Today my heart feels sad. And I am not proud to be African. It’s not a thing of color, but if in Africa somebody wants to go up, they always try to put you down.“ Yusuf nickt und fügt leise hinzu: „You know… It is always the same… This is one of the reasons why I need to help my family. But it is … difficult.“

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(17) Endspurt für das Wüstenschiff: Auf nach Banjul, Gambia!

Der Wecker klingelt um 7.00, wir sitzen kerzengerade im Bett! Heute liegt die letzte Etappe unseres Abenteuers vor uns: Das Wüstenschiff an sein Ziel nach Banjul zu bringen.

Also genießen wir gemeinsam unser Frühstück im schönen Ambiente des Hotel Poste. Es fällt leicht, sich in die Zeit der 20er und 30er Jahre zurückzuversetzen: dunkles Mahagoniholz und sattes Grün der tropischen Pflanzen, wohin das Auge reicht.

Als wir den letzten Schluck Kaffee nehmen, erscheint schon unser Guide Moulaye mit seinem Helfer. In seiner freundlichen, lässigen Art begrüßt er uns mit Handschlag: Es tut ihm leid, aber er kann uns nicht selbst bis nach Gambia begleiten. Aber sein Helfer genießt sein vollstes Vertrauen: „This man will bring you safely to the border. And be sure: you won’t pay anything, anything“. Ein breites Grinsen in seinem Gesicht.

Wir steigen in die von ihm bereits organisierten Taxis, eines fährt schon los. Doch wo steckt Philip? Da taucht er auf, noch ganz verschlafen. Ja, irgendwie müssen zwischen Busfahrt, Essen und Schlafen auch die Fotos bearbeitet werden!

Endlich komplett, startet auch das zweite Taxi Richtung Stadtrand wo wir das Wüstenschiff geparkt haben. Die Straßen sind voller Menschen, die emsig ihre Geschäftswege erledigen. Ein buntes Treiben aus lauten Stimmen, Farben und Gerüchen dringt aus dem offenen Fenster zu uns. Glitzernd schimmert die Morgensonne auf dem gigantischen Sengalfluss, der hier in Saint Louis in den Atlantischen Ozean mündet. Als Philip seine Kamera zücken will, sucht er sie vergebens. Sie ist im anderen Taxi mitgefahren!

Am Parkplatz treffen wir zusammen und halten unsere Etappe noch mit einem Gruppenfoto fest.

Bildschirmfoto 2018-04-25 um 14.29.00

Und die Räder rollen wieder. Die Straßenverhältnisse sind erstaunlich gut. Da wir heute wieder eine Fähre erwischen müssen, stehen wir unter Zeitdruck. Wie lange die Zeitintervalle zwischen den Schiffstransporten liegen, wissen wir nicht. Und auch nicht, ob jede Fähre auch große Fahrzeuge – wie das Wüstenschiff – mitnimmt.

Während der Fahrt steigt die Hitze gewaltig an. Bald schon hat es 34 Grad im Bus, obwohl wir die Vorhänge heruntergelassen haben und die Klimaanlage läuft. Andi fährt, so schnell er kann. Wir verzichten auf Pausen, obwohl es bei manchen schon längst an der Zeit wäre, einen kleinen Stopp einzulegen. Immer wieder muss der Bus abbremsen, weil eine Truppe Kühe oder ein Esel die Straße blockiert.

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Inge, gerade im Inbegriff aufzustehen, sieht von hinten den Esel auf der Straße nicht. Laut tönt die Hupe, bevor das Lenkrad nach links gerissen wird. Doch es ist zu knapp und das Wüstenschiff muss heftig bremsen. Mit einem Aufschrei stürzt Inge zu Boden und landet unsanft zwischen den Sitzen. Doch dem ersten Schrecken folgt auch schon ein Lachen: „Es ist nichts passiert,“ sagt sie. Spätestens jetzt wissen wir, dass es doch eine Pause braucht. Es folgt ein Halt an der Tankstelle.

Nach einer Viertelstunde sitzen wir wieder im Bus. Die Strecke zieht sich in die Länge, wir scheinen heute den Wettlauf mit der Zeit zu verlieren. Das Telefon klingelt. Es ist Yusuf, der uns am Grenzübergang Karang erwartet, um die Formalitäten mit dem Zoll zu beschleunigen.

Vorbei geht es an kleinen Ortschaften, Termitenhügeln und Häusern mit Strohdächern. Viele Menschen winken uns zu, doch nicht bei allen sind wir erwünscht.

 

Wir merken, wie uns die Reise langsam an unsere Grenzen treibt. Das ewige Geruckel im Bus, das Dröhnen der Motoren und die Hitze, die wir nicht gewohnt sind, zwingen uns in die Knie. Gereizt oder unglaublich schlapp, drückt es uns in die Sitze. Obwohl unsere Kühltruhe auf Hochtouren arbeitet, kommt sie gegen die Temperaturen nicht mehr an. Und wir sehnen uns nach einer kühlen Erfrischung.

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Andi versucht, unserem Helfer verständlich zu machen, Yusuf zu kontaktieren. Rene und Nika helfen dabei, damit er sich auf die Straße konzentrieren kann. Doch da springt einer plötzlich auf und ab am Straßenrand! Er reißt die Hände in die Höhe und lächelt. Wir haben Yusuf gefunden – oder besser gesagt, er uns.

Schnell springt er in den Bus, hinter ihm ein eindrucksvoller Mann mit Kappe und der typischen Gebetskette: der Imam aus Karang. Also dürfte der Grenzort nicht mehr weit sein. Und so ist es dann auch: Vor uns liegt eine Ansammlung an kleinen Häuschen und ein Gewirr an Menschen, Karren und Tieren.

Der Bus hält. Nichts wie raus, aus unserem Wüstenschiff, denken sich alle. Wie sehr sehnen wir uns nach dem erfrischenden Wind, der draußen ruhig die Blätter und Papierfetzten durch die Luft bläst. Ein bisschen Erfrischung, ein paar Momente der Ruhe, das wünschen wir uns.

Doch es kommt ganz anders! Kaum haben wir einen Fuß vor die Tür gesetzt, sind wir umschwärmt von Frauen, die uns ihre Ware feilbieten wollen. Während Andi, Willi und Yusuf im Zoll- und Passamt verschwinden, geraten wir in die Klauen der witzigsten Geschäftsfrauen, die wir je gesehen haben.

Wir können uns nicht retten, die Damen machen ihre Sache einfach zu gut. „Here, buy this from me! You don’t want to buy?“ Wir versuchen mit den unterschiedlichsten Taktiken die Frauen abzuschütteln, aber: No way. Emsig schnatternd und lachend haben sie uns umzingelt und begleiten uns so zum Bus. „You have money? Give me money!“ Anfangs noch abgeschreckt durch diese Direktheit, entspannen wir uns immer mehr und können dann auch lachen. Spätestens, als wir verstehen, dass die Feilscherei zum Teil Zeitvertreib und lustiges Spiel ist. Denn offensichtlich eignet sich jeder Gegenstand zum potenziellen Kaufobjekt! Dies wird uns klar, als Lukas den Sand aus dem Bus zu kehren beginnt, um die Ladies eventuell so ein wenig zu verscheuchen. Falsch gedacht: Kurzes Gekreische gefolgt von einem koketten: „Nice brush! Give me that brush!“ T-Shirt, Hüte, Schuhe und Hosen werden mit einem breiten Lachen im Gesicht beanstandet. Und wir können nicht standhalten. Zumindest zwei T-Shirts ergattern die Damen und verkaufen uns ein paar Säckchen Nüsse zu einem völlig überteuerten Preis. Yusuf schüttelt nur den Kopf, als wir ihm davon erzählen. Von so hartnäckigem Geschäftssinn kann man sich eine Scheibe abschneiden, meinen wir. Und es vertreibt die Zeit.

Endlich kommen Andi und Willi zurück, um uns zu holen. Wir folgen ihnen zum Passamt, wo wir brav unsere Fingerabdrücke abgeben und uns der Gesichtskontrolle stellen. Die Formalitäten werden ohne Schwierigkeiten erledig.

 

Los geht’s – aber nichts geht mehr!

Unserer Überfahrt steht also nichts mehr im Weg! „Dann kann es also losgehen,“ denken wir uns und laufen zurück zum Bus. Als Andi den Zündschlüssel umdreht und Lukas den Spezialgriff hinten bei den Kabeln zum Starten anwendet, macht der Bus … genau nichts. Was ist los? Gibt das Wüstenschiff etwa so kurz vor dem Ziel auf?

Panik bei der gesamten Crew – doch dann, Erleichterung. Es ist nur die Batterie und die ist leer. Wir verkneifen und die Frage, wie das passieren konnte und machen uns daran, die Starterkabel zu finden. Was sich schwieriger gestaltet, als gedacht. Tanger Med taucht in unserer Erinnerung auf und der Tag an dem wir für den Zoll den ganzen Bus durchwühlen mussten. Natürlich sind die Starterkable jetzt, wo wir sie brauchen, nicht mehr dort, wo sie einmal waren… Es heißt: Nerven bewahren und durchhalten.

Diesmal ist es Lukas, der nicht nur die Stimmung der Crew, sondern auch die Weiterfahrt nach Banjul rettet. „Ich hab‘ sie!“ schreit er aus dem Bus. Uns fällt ein Stein vom Herzen – wir können zur Zollkontrolle fahren. Endlich kommen unsere Impfpässe zum Einsatz, die wir bereitwillig – wie unsere Pässe – an Andi übergeben. Er verschwindet mit Yusuf im Amt und für den Rest der Crew heißt es wieder einmal: Warten.

Währenddessen erhalten wir Besuch. Die Kinder kommen! Wild – und damit untertreiben wir nicht – stürzen sie sich auf die Kugelschreiber, die Nika ihnen bringt. Dabei gehen einige kaputt. Mit großen Augen kommen sie zurück und zeigen auf das kaputte Beweisstück: „Please! It’s not good!“ Wer kann da schon hart bleiben? Kugelschreiber und Kekse wandern aus dem Wüstenschiff, während wir auf unsere Einreisegenehmigung warten. Ein Junge präsentiert uns stolz sein Fahrrad.

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Als der Captain zurückkommt, sind die Nachrichten erfreulich, allerdings nicht ganz ohne Wehrmutstropfen. Der Überfahrt nach Banjul steht nichts im Wege: Doch das gilt nur für die Crew- nicht aber für das Wüstenschiff. Denn die Fähre mit dem letzten Zolltransport haben wir leider versäumt. Yusuf, der ohnehin noch die Zulassung für den Bus regeln muss, nimmt sich das für den nächsten Morgen vor.

Mit gemischten Gefühlen verlassen wir den Bus und steigen auf die Fähre.

 

Das Ende eines Abenteuers

Obwohl wir unser Wüstenschiff ungern zurücklassen, freuen wir uns sehr auf den heutigen Abend! Noch in Österreich haben wir mit Alois Weiss und Nina Waitz Kontakt aufgenommen, die in Brufut eine kleine Oase aufgebaut haben. Und hier, in Leo’s Beach Hotel, erwartet uns der Tiroler Gastronom und seine Frau bereits mit einem köstlichen Essen. Erleichtert kommen wir dort an und ganz ehrlich: Es braucht nicht lange, um uns zu überreden, herzhaft zuzugreifen und uns – endlich – zu entspannen.

 

Am nächsten Morgen müssen Andi, Willi, Yusuf und Philip noch einmal in den sauren Apfel beißen. Während die anderen sich am Meer und Strand entspannen, fahren die Tapferen noch einmal zurück zur Zollstation. Es folgt ein langes Prozedere, bis der Bus endlich auf die Fähre darf. Fast alle Formalitäten konnten mit der Hilfe von Andi erledigt werden. Die Überstellungskennzeichen werden abgenommen, der Übernahmevertrag von Yusuf unterzeichnet. Er ist jetzt offizieller Besitzer des Mercedes Citaro. Wir stoßen auf diesen Moment an und wünschen ihm Alles Gute! Möge sein Vorhaben gelingen und ein fruchtbares Unternehmen werden: damit seine Familie in Farafenni bald ein besseres Leben führen kann.

 

Das Wüstenschiff ist in Banjul angekommen und hat damit sein Ziel erreicht. Es nun in andere Hände zu übergeben, fällt uns nicht leicht. Doch für alles im Leben kommt einmal ein Abschied! Ein herzlicher, ein wunderschöner und natürlich einer mit  ordentlichem: Piep-Piep!

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Hier endet das Abenteuer unsers Wüstenschiffs – doch nicht für uns. Es gibt noch viel zu tun und noch einiges zu berichten. Stay tuned für jede Menge Bonusmaterial – wie etwa den Bericht aus Farafenni: Ein Besuch bei der Familie von Yusuf.

 

 

 

 

 

 

(16) Auf dem Weg nach Rosso zur Grenze Senegals

Die Fahrt nach Rosso

Leider haben wir die Anweisung des Captains – safety first – zu ernst genommen: Bettruhe um 4.00 und Tagwache um 7.00 ist zur vorherrschenden Hitze eine Herausforderung. So beginnt dieser Morgen für einige Crewmitglieder mit einer leichten Katerstimmung.

Im Foyer pirscht der Captain ungeduldig auf und ab. Das Frühstück ist noch nicht fertig, dabei ist es bereits 7:10. Auf seinen Schultern lastet heute eine besondere Verantwortung, die seine Stimmung verständlich macht: Tagesziel ist Saint Louis im Senegal. Doch zuvor muss der Grenzübergang Rosso geschafft und die Fähre erreicht werden.

Bus vor Hotel (Nouakchott)

Daher können wir nicht länger warten und ein großer Teil des Frühstücks wird eingepackt und in den Bus gebracht.

Als alle ihre Plätze eingenommen haben, brechen wir auf. Sidi, gewohnt ruhig an der Heckscheibe des Busses stehend, warnt uns vor: Die Straße von Nouakchott bis nach Rosso ist schlecht in Schuss.

Was das wirklich heißt, lernen wir kurz darauf am eigenen Leib kennen. Es rumpelt und holpert gewaltig im Wüstenschiff. Teilweise muss die ganze Breite der Straße in Schlangenlinien gefahren werden, um den Löchern in der Straße ausweichen zu können.

Löcher

Doch Fahrer Rene lässt sich nicht unterkriegen. Zielstrebig folgt er den Anweisungen von Sidi, der ihn an den Unebenheiten (teilweise Kratern!) vorbeinavigiert. “Links, links, links!” ruft Sidi und schon ist das Lenkrad in Position gebracht. Die Beiden würden ein tolles Ralley-Team abgeben.

Piep Piep ist hier das Zauberwort, das den afrikanischen Verkehr beherrscht. Wir würden es wohl mit Tüt Tüt übersetzen. Gemeint ist damit das Hupen, dass genauso selbstverständlich zum Verkehrsgeschehen gehört, wie die Straßenschilder. Trocken und gerade erklärt uns Sidi, was es damit auf sich hat: „Piep Piep – no accident; No Piep Piep – accident.“ Wir verstehen und denken uns: Warum kompliziert, wenn es einfach auch zu erklären ist.

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“Es ist 11.00!” sagt Inge. “Oh,” meint Andi, “GT-Time!”. Schon greifen die beiden Geschwister Inge und Andi zum Schneidebrett und den Zitronen. Und schnell ist der Gin Tonic von den geübten Händen zubereitet!

Draußen liegt der Sand nicht nur in der Luft, sondern auch auf der Straße. Wir fahren so langsam, dass Lukas interessante Posen zum Fotografieren finden und Philip und Nika aus dem Bus springen, um ihn von außen zu betrachten.

 

Der Bus schiebt sich langsam über den holprigen Untergrund und passiert dabei kleine Dörfer.

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Esel, Ziegen und Hühner halten die Menschen sich hier, in ihren bescheidenen Behausungen. Doch sie wirken unendlich entspannt, im Schatten unter den Bäumen, ins Gespräch vertieft. “Kann es Abstufungen in der Intensität des Glücks geben?” fragen wir uns und merken, wie weit wir von unserem Alltagsleben in Österreich entfernt sind.

So vergehen die Stunden. Draußen hat sich erneut das Bild geändert. Roter Sand, der sich mit weißem abwechselt, dazwischen Dornbüsche und die Bäume der Savanne.

Baum

So schön die Gegend ist, die Ruckelei im Bus und die stetig steigende Hitze setzen uns ganz schön zu. Plötzlich dreht sich Sidi um und sagt: “Bald werden wir Rosso erreichen. Dann können wir Kaffee kochen und etwas zu Essen machen… Hauptsache, es ist in der Nähe des Busses.”

Als er unsere fragenden Gesichter sieht, erklärt er wie korrupt der Grenzübergang sei. Es sei einfach sicherer, sich innerhalb des Busses anstatt außerhalb aufzuhalten.

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Wir erreichen Rosso um 14.00. So schnell können wir gar nicht schauen, da ist unser Bus auch schon umringt von jungen und alten Männern. So wird der Bus in die kleine Ansiedelung vor dem Fährenübergang geleitet, bis er stehen bleibt.

Wie die Katzen umschleichen die Männer unseren Bus. Manche deuten mit dem Finger auf den Mund und zeigen uns, dass sie Essen möchten. Über die Kekse und Süßigkeiten, die wir ihnen anbieten, freuen sie sich allerdings nicht. Widerwillig nehmen sie das Geschenk an, aber Geld wäre ihnen lieber gewesen.

Währenddessen bewacht Sidi – der Guardian Angel –  unseren Bus ritterlich.

 

Mal macht er den bettelnden Kindern deutlich, dass sie hier nichts bekommen werden – mal herrscht er die korrupten Dealer an, sich von uns fern zu halten. Nur kurz verlässt er uns, um die Papiere fertig zu machen.

Eine junge Frau mit nacken Schultern und engem Bustier taucht zwischen den geparkten LKWs auf. In ihrer zierlichen Hand hält sie einen schwarzen Sonnenschirm. Sie streckt ihn immer wieder in die Luft, gerade so, dass ihn ein Windstoß ergreift und ihn nach hinten zieht. Um den Schirm nicht zu verlieren, benötigt es einiges an aufwendiger Verbiegung, die – wie zufällig – ihren schönen Körper gekonnt in Szene setzen. Ein großes Bravo für diesen Körpereinsatz!

In der Hitze des Nachmittags kochen wir Kaffee und denken uns, dass die paar Grad das Kraut auch nicht mehr fett machen.

Sidi kehrt mit einer großen, silbernen Schüssel zurück. “Traditional african food,” sagt er und öffnet den Deckel.

Er isst ein paar Löffel und geht wieder nach draußen, um etwas zu regeln, während wir uns den Bauch voll schlagen. Dabei sind manche von uns vorsichtiger als andere.

Sidi kehrt mit einem Mann namens Moulaye zurück. Er stellt ihn uns als Vertrauensmann aus dem Senegal vor, der uns von nun an begleiten wird.

Da erscheint auch schon die Fähre. Und wir setzen über.

Sidi hat seinen Job sehr gut gemacht, denn wir dürfen als erste auf das Schiff. In wenigen Minuten setzt es über und das bedeutet Abschied. Wir schütteln Sidi die Hände und umarmen ihn. Er hat uns nicht nur sehr geholfen – es war auch ein absolutes plaisir ihn kennenzulernen. Sidi – wir werden dich vermissen.

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Kurz nach der Grenze im Senegal

Kaum haben wir das Festland erreicht, wird Andi von unserem neuen Vertrauensmann an der Schulter aus dem Bus gezogen. Ein junger Mann springt herein, zeigt uns einen roten Bon und ruft uns zu, den Bus hier rauszufahren. Ohne Pässe, denn die hat ja Andi, starten wir den Bus und folgen den Anweisungen des Mannes. Kurz nach dem Visaposten heißt er uns anhalten. 30 Euro möchte er für den roten Bon haben. “Billet de sortie… Billet de sortie”, sagt er. Doch wir zahlen nichts, so ist es mit Moulaye vereinbart.

Wir steigen aus, denn die Temperatur im Bus ist derart gestiegen, dass es uns auf den Kreislauf schlägt. Außerdem wissen wir nicht, wie lange wir noch auf die Rückkehr der anderen warten müssen.

Nach einer Weile haben uns zwei Buben erspäht und nähern sich dem Bus. Es ist Zeit, den Kleinen ein paar Mitbringsel zu überreichen. Inge holt zwei Sonnenbrillen, Stifte und Blöcke.

 

Nach knapp zwei Stunden kehren Andi und Willi zurück. “Viele Formalitäten,” meinen sie. “Der eine hat mir geraten, mir fürs nächste Mal eine andere Hautfarbe zuzulegen, dann gehts schneller!” lacht Willi. Unser Vertrauensmann kommt und erklärt uns kurzer Hand, dass wir jetzt nach Saint Louis fahren. Er steigt in sein Auto und wir folgen ihm.

Die Fahrt auf der schlechten Straße und der Grenzübergang haben viel Zeit gekostet.

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Um 22.30 erreichen wir das außerhalb der Stadt liegende Hotel. Doch Andi kehrt unzufrieden von der Zimmerinspektion zurück. Die Zimmer seien nicht sehr sauber. Moulaye entschuldigt sich. Durch unsere verspätete Ankunft wäre das Hotel, dass er eigentlich gebucht hatte, nicht mehr verfügbar. Doch schon greift er zum Handy und löst das Problem.

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Im Taxi werden wir ins Zentrum gefahren.

 

Das Hotel Poste liegt schön neben dem Fluss im Zentrum von Saint Louis, das Antoine de Saint-Exupéry gewidmet ist. Wir lassen den Abend bei einer Flasche Gazelle-Bier ausklingen und scherzen herum, trotz Müdigkeit.

Doch Willi, Lukas und Andreas scheinen noch irgendwo geheime Energiereserven angezapft zu haben, denn nach der zweiten Flasche Bier verkünden sie uns, doch noch ein wenig in die Stadt zu schauen.

Rene, Inge, Nika und Philip sind zu müde und gönnen sich eine entspannte Dusche vor dem Schlafengehen. Willi, Andi und Lukas hingegen machen sich auf, um noch ein paar kulinarische Highlights zu erkunden.

Die einen im Trubel der Nacht, die anderen zufrieden in ihren Betten. Alle jedoch fiebern hin auf den nächsten Tag: Die letzte Etappe des Abenteuers, die Grenze nach Gambia und die Ankunft in Banjul.

(15) Die Fahrt nach Nouakchott: Roter Sand und ein Essen mit dem Vizekonsul

23.4. 2018, Mauretanien

Die Fahrt nach Nouakchott gestaltet sich – dank Sidi – recht entspannt. Bereits aus Marokko sind wir die vielen Polizeikontrollen gewöhnt, die sich meist doppelt vor und doppelt nach einem Ort befinden.

Mit Sidi läuft die Sache wie geschmiert. Der Bus verlangsamt sein Tempo, bleibt stehen, das Fenster wird hinuntergelassen. Manchmal reicht es, den Grund und das Ziel der Reise anzugeben: Nous sommes d’Autriche, Nemsa, oui! Nous allons à Gambie!

Die Kontaktaufnahme auf Französisch – wobei Nemsa der arabische Name für Österreich ist – wird von Sidi übernommen und in der Landessprache fortgeführt. Wir beobachten den Wortaustausch, den wir nicht verstehen, der aber meistens mit einem Handschlag endet. Es versteht sich von selbst, dass wir hier die Kamera nicht benutzen dürfen.

Selten steigt Sidi aus und begleitet den Polizisten zur Wachtstation, einer kleinen Hütte aus Holz, der man die viele Jahre im rauen Klima der Wüste ansieht.

Genau haben wir nicht mitgezählt. Wir schätzen aber, dass sich diese Situation sicher 8-10 Mal am Tag abspielt.

Das Klima und auch die Vegetation verändern sich. Während die Hitze stetig zu nimmt, scheint der Sand mit jedem Kilometer röter und röter zu werden. Unser Zeitverlust zwingt uns zur stetigen Weiterfahrt. Pausen beschränken sich auf Aufenthalte an der Tankstelle.

 

Wir sind froh über unsere Bordküche: die Kühlbox arbeitet fleißig und bietet das ein oder andere kühle Getränk zur Erfrischung. Für ein Mittagsessen bleibt wenig Zeit. Gut, dass wir unsere Vorratskammer ordentlich bestückt haben, aus der Inge in regelmäßigen Abständen die hungrige Crew versorgt. “Service is our success” sagt sie und bietet Sidi einen Teller mit frischen Melonenstücken und Orangen an, die Willi und Lukas am Markt von Ad Dakhla besorgt haben.

Sidi bedankt sich lachend:” This is better than Austria Airlines”. Dann zeigt er aus dem Fenster. In der flachen Wüste sieht man kleine Hügel aus Sand, meist in 4er Gruppen. Hier wird nach Gold und anderen Bodenschätzen gegraben, erklärt er uns.

Bald schon erspähen wir am Straßenrand Werkstätten. “This is Shermin”, erklärt Sidi, “The City of Gold”. Auf großen Flächen häufen sich Sandladungen und Gerätschaften, in denen der Sand gewaschen wird. Denn zwischen den Städten Nouadhibou und Nouakschott wird nach Gold und anderen Bodenschätzen gegraben. Die Instrumente erinnern uns an die Siebe der Goldwäscher aus Westernfilmen, nur wesentlich größer sind sie und bereits dem System der Industrialisierung unterworfen.

Die kleine Stadt lassen wir schnell hinter uns, die Sonne steht hoch am Himmel. Vor uns hat der Wind den Sand zu Dünen aufgeworfen, hohe rote Schranken aus Sand. Was für ein Glück, dass wir hier tanken müssen!

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Der Sand ist so verlockend, dass wir die Düne besteigen wollen. Doch sie ist trügerisch! Die Füße versinken schneller, als man schauen kann und wer keine festen Schuhe trägt, verliert schon mal seine Flip Flops.

Zufrieden steigen wir in das Wüstenschiff. Ohne weitere Vorkommnisse, passieren wir die letzten Polizeikontrollen, bevor wir in die Hauptstadt Mauretaniens einfahren.

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An den Straßenrändern spazieren die Menschen fest in ihre Tücher gehüllt, um sich gegen den Sand und die Sonne zu schützen. Die Hitze treibt sie zurück in das Innere der Häuser. Erst am Abend lebt die Stadt so richtig auf, wie auch wir erleben werden.

Denn kaum sind wir im Hotel angekommen, tritt ein geschäftiger Mann ein. “Where is Mr. Langer? Where is Mr. Langer?” fragt er aufgewühlt und lässt sich erst beruhigen, als Willi ihn zu Andi bringt. Es ist der Vizekonsul Alioune Diarra (Honorary Consul auf Austria), mit dem Andi bereits zu Hause Kontakt aufgenommen hatte.

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Völlig außer sich erklärt er, dass er bereits seit zwei Stunden nach uns suche. Er habe angerufen, aber niemanden erreicht. In jedem Hotel von Ad Dakhla habe er nach uns gefragt.

Wir können die Verwirrung nicht ganz nachvollziehen, verstehen aber Bruchteile der hektischen Berichterstattung: Unser Bus sei vor der Einreise nach Mauretanien gesichtet worden, was dem Vizekonsul mitgeteilt worden war. Dann aber habe man uns aus den Augen verloren. “Such a big bus…” wundert sich der Vizekonsul noch immer. Bald aber hat er sich beruhigt und kommt zum erfreulicheren Teil des Gesprächs: Eine Einladung ins beste Fischrestaurant von Nouakchott!

Auch Sidi ist dabei und wir genießen ein außergewöhnlich leckeres Abendessen.

 

Der Vizekonsul ist von unserem Projekt sehr angetan. “Eine Hand allein klatscht nicht” zitiert er ein afrikanisches Sprichwort und spricht uns seine Wertschätzung aus. Auf Andi’s Selbstkritik – wir hätten uns vielleicht besser vorbereiten können – winkt er ab. Fehler mache man immer, meint er und legt die Hand auf seine Brust. Es sei möglich, meint er, dass man vielleicht nicht immer genau erklären könne, warum eine Sache gut sei. Aber das sei auch nicht wichtig. “You can feel it in your heart that it is good, you know. You can feel it in your heart that you are doing a good thing. And this is what I can feel too: that it is good.“

Konsul rot markiert

Die blumigen Beschreibungen des Vizekonsuls berühren uns sehr. Doch der Konsul lehnt sich zurück und lacht laut, bevor er dem Kellner winkt. “We will order mauritanian beer now! Or maybe whiskey…” scherzt er vor sich hin.

Abendessen

Bissap heißt das dunkelrote Getränk aus Ingwer, Limette und einer Pflanze, die wir unter dem Namen Flor de Jamaica (Hibiskus) vorgestellt bekommen. Es ist süß und angenehm scharf. Der Vizekonsul erklärt uns, dass dieses Getränk nicht nur gut schmecke, sondern auch einen positiven Nebeneffekt habe: Es lässt sich damit hervorragend abnehmen, meint er. Allerdings nur, wenn man den Zucker weglässt!

Konsul lachend 2

Zum Abschluss bestellen wir Tee und fahren ins Hotel. Pro Zimmer gilt die Regel safety first: Schnaps (von Klaus) und Wein (aus dem Himmelreich) zur täglichen Desinfektion erhalten das Immunsystem. Ob am Morgen oder Abend (oder beides) ist jedem Crewmitglied selbst überlassen: Hauptsache, man kümmert sich!

(14) Sidi – Der Herr der Wüste oder im Niemandsland vor Mauretanien

22.4. 2018, Niemandsland/ Mauretanien

Wenig später erscheint hinter einem Felsen ein Auto, das auf uns zu steuert. Als der Wagen stehen bleibt, halten wir auch das Wüstenschiff an. „Das muss er sein,“ sagt Andi. Die Türen des Busses öffnen sich und ein großer, sehniger Mann tritt ein. In hellblaues, wallendes Gewand gehüllt, flösst seine Erscheinung Ehrfurcht ein als er Andi’s Hand in seine beiden Hände schließt.

Er heißt uns losfahren und vorsichtig bewegt sich unser Bus über das wilde Gelände. Es rattert und scheppert und fast schremmen wir über ein paar Felsen. Doch Willi korrigiert den Kurs und schifft uns gekont über den Untergrund. Glatter, weißer Fels erhebt sich ab und an aus dem weißen Sand. Der Nordwind hat ihn freigelegt.

Die Visastation liegt hinter einer Durchfahrt, die von zwei Steintürmen flankiert wird. Stolz und vom Militär bewacht, liegt das Areal in der Wüste. Ganz hinten, auf einer Düne stehen zwei UN-Jeeps.

Niemandsland UN

Grenze Mauritania

Keine Kamera im Niemandsland

Schon längst haben wir die Kameras weggepackt und den Alkohol verstaut. Sidi instruiert uns noch einmal: „If they ask: alcohol? You just say: no.“ Auf unsere besorgten Blicke lächelt er uns sagt: „I’ve already arranged that“.

Wir vertrauen Sidi und vergessen, was wir kurz zuvor in Mineralwasserflaschen abgefüllt oder in unsere Reisetaschen gesteckt haben. Es gibt auch keine andere Möglichkeit, denn schon kommen die Militärs auf uns zu.

Alle in dunkelgrünen Overalls und ein Tuch fest um den Kopf gewickelt, dass es Haupt und Gesicht, ja auch den Mund verhüllt. Sie inspizieren die Aufkleber auf unserem Bus und tuscheln miteinander. Dann zieht einer sein Tuch zurück, hebt den Daumen hoch und lacht. „Das will noch lange nichts heißen,“ raunt Andi.

Wir warten eine Weile und werden dann in ein Patio geführt, in dem es durch den Luftzug schön kühl ist. Die fremden Stimmen um uns und die Anwesenheit des Militärs sorgt für ein ungutes Gefühl, obwohl diese freundlich wirken.

Linker Hand stehen wir, die Amtspersonen und Sidi befinden sich vor einer metallenen Tür, auf die im für uns unverständlichen Gespräch immer wieder gezeigt wird. Das Schloss der Tür liegt zu Teilen frei und rechts ist Mauer von der Wand abgebrochen.

Es scheint Probleme zu geben. Immer mehr Männer versammeln sich und versuchen, die Tür zu öffnen. Auch Andreas und Willi, dann Rene und Lukas gesellen sich dazu. Die Zeit vergeht, doch nichts passiert. Was mag da wohl Wichtiges hinter der Tür versteckt sein?

Inge und Nika wird ein Stuhl gebracht und die beiden beobachten das Gewusel aus sicherer Distanz. Bald entfernt sich Rene, um kurz darauf mit Werkzeug und Schmiermittel aus dem Bus zurückzukehren. Doch es hilft alles nichts, die Tür muss aufgebrochen werden.

Endlich können wir eintreten und das Geheimnis lüftet sich: Es heißt Fingerprint und Gesichtscanner, die jeder von uns einzeln passieren muss.

Ohne Pass warten wir im Patio, bis Sidi mit großem Schritt auf uns zukommt. Vorsichtig öffnet er den Pass und zeigt uns das mauretanische Visum. Ein Lachen lässt sich nicht verkneifen, zeigt es doch auch je ein Foto von uns – und das nicht gerade vorteilhaft! Also, doch kein Gesichtsscanner, wie es scheint.

Durch Sidis bravourösen Vorarbeit, erweist sich der Zoll als reine Formalität: Ein Beamter steigt ein, wirft einen obligatorischen Blick in den Bus, schüttelt uns die Hände und steigt wieder aus. Damit ist der Zoll erledigt und wir nehmen die Fahrt nach wieder auf.

Fahrt nach Nouadhibou

Die Wüste verändert sich langsam. Der Sand wird feiner und feiner – im Hintergrund leuchtet das blaue Meer. Und schon erhebt sich Nouadhibou, das ökonomisches Zentrum von Mauretanien vor uns.

Müde von der Hitze und der Anspannung bei der Einreise nach Mauretanien, erreichen wir unser Hotel. Wir kehren erst mal sehr viel Sand aus unserem Bus, bevor wir die Zimmer beziehen. Nach einer erfrischenden Dusche, entspannen wir bei einer gemütlichen Tasse Tee.

 

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Sidi führt uns in ein kleines Restaurant, indem er uns von seinen Vorbereitungen erzählt. 4 Tage habe er auf uns gewartet und viel Zeit gehabt, die Beamten am Zoll zu bestechen. “If you have money and time in Mauretania, you can arrange everything”. Er lacht, versichert aber, dass eine Einreise ohne Hilfe nicht so leicht möglich gewesen wäre. Die vielen Hilfsgüter, die unser Wüstenbus transportiert, wären ohne Sidis Hilfe nicht über die Grenze gekommen. Glauben wir aufs Wort.

Sidi erklärt sich bereit, mit uns bis zur Grenze Senegals mit uns zu kommen. Dort möchte er uns in die Obhut seines Kollegens geben. Für uns sind das gute Neuigkeiten!

 

Gruppe mit Sidi

Darauf stoßen wir bei einem gut getarnten Schlummertrunk im Hotelzimmer noch einmal an: Was für ein Glück Sidi, den Herrn der Wüste, an unserer Seite zu haben!

 

(13) Goodbye Marokko, Hello Mauritania!

22.4. 2018 Südmarokko/Niemandsland

Um 5.30 klingelt für Inge der Wecker. Schnell springt sie aus dem Bett und zum Bus, um für alle Kaffee zu kochen. Der Tag beginnt uns viel zu früh und die müden Gesichter der Crew sprechen Bände. Zu allem Übel ist die Wäsche über Nacht nicht getrocknet. Schnell packt Rene die Kleidungsstücke in zwei Säcke. Es bleibt nicht einmal Zeit, die Socken von den T-Shirts zu trennen.

Also spannen wir Schnüre zwischen dem Gestänge des Busses und bald schon sieht der Bus aus wie eine fahrende Wäscherei. Oder das Wohnmobil der Kelly- Family.

Wäschebus

Während sich Willi ans Steuer setzt, schenkt Inge den Kaffee aus und wir essen frischen Schokoladekuchen, den uns die Herbergsbesitzerin mitgegeben hat. Die Abfahrt gelingt pünktlich, was notwendig für das erreichen der Grenze zu Mauretanien ist. Durch unsere Erfahrungen am Zoll von Tanger Med möchten wir frühzeitig dort sein. Doch ob der Zoll am Sonntag offen ist, wissen wir nicht. Wir hoffen, heute noch bis zur Stadt Nouadhibou zu kommen. Im schlimmsten Fall gibt es ein Hotel 90 Kilometer vor der Grenze und wir müssen auf Montag warten.

Morgenstrasse

Nachdem wir heute so früh aufgestanden sind, ist die Luft sehr dünn im Wüstenschiff. Die Hitze macht es auch nicht besser. Was wäre aber ein Crew, wenn wir nicht achtsam miteinander umgehen würden. Vorsichtig lassen wir uns also in Ruhe und wer kann, sucht sich ein Plätzchen, um ein wenig nachzuschlafen.

Die Straßen sind zu großen Teilen leergefegt und die Landschaft zieht an uns vorbei. Ruhig wiegt sich die Wäsche hin und her, bis der Bus stehen bleibt. Jetzt kommt Lukas‘ Stunde! Zielstrebig geht er den Gang entlang zur Fahrerkabine und nimmt Platz. Er dreht den Zündschlüssel um und … fährt. Sehr gut schifft der Jungkapitän durch die Wüste. Dass er erst kurz vor der Reise den LKW-Führerschein gemacht hat, merkt man ihm nicht an. Und seinem Fahrstil auch nicht.

Nach ein paar Stunden Fahrt, nähern wir uns dem Grenzübergang zur Ausreise aus Marokko. Wir fahren mit dem Bus in den Scanner, der wie eine übergroße Garage aussieht. Dort gleitet ein Balken langsam über den Bus. Nach 20 Minuten haben wir einen weiteren Stempel in unserem Pass und einen Zollbeamten kennengelernt, der eigentlich Grafikdesigner ist und gut Englisch spricht. Er erklärt uns, dass Hamdala nicht nur „satt“ bedeutet, sondern prinzipiell immer angewendet werden kann, wenn etwas – endlich – zu Ende geht. Er lacht und gibt uns gleich ein praktisches Beispiel: „Hamdala, ihr habt den Zoll überstanden“. Die Ausreise aus Marokko gestaltete sich – im Gegenteil zur Einreise – erstaunlich schnell: Eine knappe halbe Stunde an Formalitäten und eine Flasche Traubensaft an Bakshish! Wir können es kaum glauben.

Doch noch sind wir nicht in Mauretanien. Vor uns liegt ein Streifen Niemandsland, in dem der Tauschhandel blüht, wie man uns sagt. Vor allem mit Alkohol, dessen Einfuhr in Mauretanien verboten ist. Hier sollen wir unseren Kontaktmann treffen, den wir über Jiri (Intercontinental Ralley) vermittelt bekommen haben. Vorsichtig setzt sich unser Bus in Bewegung, denn hier im Niemandsland gibt es keine geteerte Straße, sondern nur noch Sand.

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Niemandsland TVs

 

 

 

 

(12) Kamele am Horizont – am Weg nach Ad Dhakla

21.4. 2018, Südmarokko

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Am 21.4. versuchen wir, unser eigentliches Ziel Ad Dakhla erneut anzusteuern.

Das Frühstück in der anliegenden Bar vom Hotel erwartet uns bereits. Wir trinken Maschi-Maschi oder Nss Nss (nasal und stimmhaft gesprochen), was beides Milchkaffee bedeutet. Besonders gut schmeckt uns der frisch gepresste Orangensaft aus saftigen, regionalen Früchten.

Allerdings sind nicht alle unserer Crew in bester Verfassung. Bereits vor zwei Tagen haben wir mit der Malaria-Prophylaxe begonnen und Philip scheint diese nicht gut zu vertragen. Er klagt über Gliederschmerzen und Magen-Darm-Verstimmung. Daher hält sich der Ärmste vom Frühstückstisch fern, damit ihm nicht noch mehr übel wird.

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Um 8.45 heißt es: klar machen zur Abfahrt. Als wir unsere Taschen aus den Zimmern in den Bus räumen, knattert ein altes Motorrad daher. Es ist der Mechaniker von gestern, mit dem Rene das Ersatzteil für den Einbau in den Bus zurecht gebogen hat! Er möchte noch einmal schauen, ob die Reparatur auch geklappt hat und ob es uns gut geht. Wie nett ist das denn, denken wir uns und winken zum Abschied.

Mechaniker

Der Bus muss vollgetankt werden, haben wir doch durch den Bruch der Dieselleitung einiges an Treibstoff auf der Straße liegen gelassen. Bis wir eine passende Tankstelle gefunden, aufgetankt und den Weg aus der Stadt gefunden haben, ist wieder eine Stunde vergangen.

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Wir sind alle ein wenig nervös. Was, wenn das Ersatzteil nicht hält und wieder bricht?

Aber, wir können ohnehin nicht mit voller Geschwindigkeit fahren. Denn auf der Straße werden Bauarbeiten durchgeführt. Da leeren zwei Männer heißen Asphalt auf die Straße, dort kreuzen die unterschiedlichsten Maschinen unseren Weg. Wir müssen uns in der Mitte der Straße halten, den ihre Ränder sind steil und zackig – wie abgerissenes Papier.

Langsam aber stetig bahnt sich das Wüstenschiff seinen Weg auf der Transitstraße in der Wüste.

Gegen 13.00 müssen wir erneut tanken. Ein Mann kommt auf uns zu und möchte wissen, wohin wir fahren. Hinter ihm schauen seine Frau und sein erwachsener Sohn über seine Schulter. Juanito – so nennt er sich – erklärt uns in fließendem Spanisch, dass er mit seiner Familie in Spanien lebe. Und um jeden Zweifel an dieser Tatsache zu verhindern, zieht er kurzer Hand seinen Reisepass aus der Tasche. Will er mit uns mitfahren?

In uns steigen die Worte von Amal aus Casablanca auf: „Niemanden mitnehmen, nehmt niemanden mit. Auch wenn vielleicht nichts dahinter steckt, es kann euch Probleme bereiten.“ Doch in dem Moment, als wir dazu höflich Stellung beziehen wollen, setzt Juanito erneut an. Stolz klopft er sich auf seine Brust und wächst ein ganzes Stückchen mehr in die Höhe als er sagt: „Quiero invitaros a mi casa in Ad Dakhla.“ Wir bedanken uns herzlich für die Einladung, müssen aber ablehnen, da wir bereits zu viel Zeit verloren haben.

Die weitere Fahrt zieht sich in die Länge. Das ewige Bild der kargen Sandlandschaft mit ihren spärlichen Sträuchern, die stachelig und spröde sind, ermüdet uns immer mehr.

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Und doch finden sich immer wieder kleine Behausungen zwischen den Steinen, Blumen oder Kamelherden, die rechts von uns am Horizont dahin wandern.

Es ist furchtbar heiß im Bus und wie gerädert sitzt die Mannschaft auf ihren Plätzen. Es ist Zeit für einen kleinen Snack: Käsebrot und Lammsalami reicht für eine kleine Stärkung und wir vertreten uns die Beine.

Gegen Abend hin taucht das Meer plötzlich auch auf der rechten Seite auf. Ist sie das jetzt, die Fatamorgana? Nein. Vor uns liegt die geschützte Bucht von Ad Dakhla und Kite-Surfer tummeln sich hier um die Wette. Wir fahren vorbei an Boardverleih und Golfplatz und wundern uns über die Unterschiede, welche die marokkanischen Städte für uns zu bieten haben.

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Wir beziehen unsere Unterkunft Rio d’Oro, das mit liebevollen Details stark an die spanische Architektur erinnert. Ein gemauertes Sims mit farbigen Azulejos, kleine Mauernischen, Holzschnitzerei.

Wir genießen ein kühles Bier an der Bar auf der Dachterrasse, die uns einen wunderbaren Blick auf das Meer und über die Dächer der Stadt schenkt.

Lukas und Rene erkunden kurz die Umgebung, während die anderen unter der Dusche verschwinden. Die Inhaberin der Herberge bietet uns an unsere Wäsche zu waschen, was wir dankbar annehmen. Als wir alles zusammentragen, sind wir selbst über die Berge an Kleidung erstaunt, die sich da angesammelt haben.

Wir verbringen einen schönen Abend mit leckerem Essen: Fisch schmeckt so nah am Meer halt doch am Besten. Doch schon kommt die Hiobsbotschaft: Abfahrt morgen um 6.00.

Inge zieht sich zurück, um für den nächsten Tag fit zu sein. Die restlichen Crewmitglieder lassen den Abend mit einer Zigarre und Whiskey ausklingen. Auch, weil unser Alkoholvorrat schwinden muss, bevor wir über die Grenze von Mauretanien fahren.

 

 

 

(11) Boujdour – Oder die Suche nach dem passenden Ersatzteil

20.4. 2018, Südmarokko

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Bereits um 8.00 morgens besprechen wir beim Frühstück die Lage des Wüstenschiffs: Ersatzteil finden, zum Bus fahren und das Wüstenschiff in Gang bringen.

Ibrahim und Khado kommen, um uns zu helfen. Die Situation ist skurril: Ibrahim und Nika fungieren als Übersetzer, denn beide sprechen Spanisch. Arabisch, Französisch, Englisch, Deutsch und Spanisch wird kreuz und quer – mal mehr, mal weniger in die Kommunikation eingebaut.  Hauptsache ist, wir verstehen uns.

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So klappern Rene, Lukas, Ibrahim, Khado und Nika die unterschiedlichsten Werkstätten ab, um das passende Ersatzteil zu finden.

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Das ist gar nicht so leicht! Ibrahim lacht und meint, wenn wir Glück haben, sind ein paar Werkstätten um diese Zeit geöffnet. Denn: Die Leute hier schlafen um diese Zeit noch. Verständlich, da sich das Leben hier viel mehr in der Nacht abspielt.

Unermüdlich fahren uns die beiden von einer Werkstatt zur nächsten und Rene und Lukas toben sich bei den Ersatzteilen aus. Die marokkanischen Mechaniker freuen sich über den Besuch aus Österreich.

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Eine spezialisierte Werkstatt für LKWs oder Busse gibt es in Boujdour leider nicht. Dennoch werden wir fündig. Bewaffnet mit 3 unterschiedlichen Leitungen, die vor Ort noch in Form gebogen werden, fahren Willi, Lukas und Rene mit unseren marokkanischen Helfern zum Bus.

Andi, Philip, Inge und Nika warten und organisieren die Reise um: Heute Nacht bleiben wir noch in Boujdour. Morgen geht es nach Ad Dhakla und dann versuchen wir, über die Grenze nach Mauretanien zu kommen.

Gerade ist Inge ins Zimmer gekommen, mit einer frohen Botschaft: Der Bus ist da!!! Also, auf zu unserem Wüstenschiff und den fleißigen Mechanikern.

2000 bar – oder wie man einen Bus in der Wüste repariert

Wir sitzen gemeinsam in unserem Wüstenschiff und lassen uns erzählen, was Lukas, Willi und Rene zu berichten haben. Schwierig war es, meint Rene. Das Corpus Delicti, eine Leitung aus massivem Metall, musste eingebaut werden.

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Schwierigkeiten ergaben sich, da das Ersatzteil länger als das Originalteil war. So musste es vor Ort am Motor angeschlossen und dann mit der Hand gebogen werden. Durch seine Überlänge brauchte es mehr Platz, durfte aber nirgends ankommen, um nicht wieder zu schnell kaputt zu gehen. Vor allem das Biegen sei eine heikle Angelegenheit. Rene hat trotzdem Zeit für Humor und kramt die Bedienungsanleitung hervor. Demonstrativ sucht er und sagt dann: „Hm, also einen Unterpunkt zu in der Wüste hab ich nicht gefunden.“ Wir lachen und freuen uns, dass die Reparatur – wenn auch unter schwierigen Bedingungen – geklappt hat.

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Kurz nach dem Abendessen gehen wir auf den Markt um die Ecke. In der Dunkelheit berauscht uns die fremdartige Kultur stärker: Faszinierend!

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Dann ruft Khado an. Sie möchte sich von uns verabschieden und hat ihre Cousine dabei, die Englisch spricht. Wir vereinbaren einen Treffpunkt im Café. Wenig später tauchen die beiden Frauen auch schon auf. Mit strahlenden Gesichtern umarmt uns Khado. Geheimnisvoll meint sie, sie habe uns etwas mitgebracht und zieht mehrere Tüten aus ihrer Tasche.

Dann überreicht sie jedem von uns traditionelle Tücher. „So, wie wir Menschen der Wüste sie tragen“. Unser Männer erhalten je einen Schal, der sich auch um den Kopf wickeln lässt. Inge und Nika hingegen erhalten ein langes Tuch. Dreimal um den Körper geschlungen und einmal um die Schulter geworfen – fertig ist das Kleidungsstück. „Es hält die Sonne fern und schützt vor dem Wüstenwind,“ erklärt mir Khado. Wir halten diese Momente mit einem Gruppenfoto fest. Dann heißt es Abschied nehmen. Wir umarmen uns und hoffen, uns irgendwann wiederzusehen. In shaa allah, meine Lieben, In shaa allah.

(10) Schiffbruch in der Westsahara

19.4. 2018, Südmarokko

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Im Bus ist Ruhe eingekehrt: Lukas schläft in seiner Hängematte, Inge auf mitgebrachten Kissen und Decken. Rene und Andreas unterstützen Willi mit mentaler Konzentration beim Fahren. Philip und Nika arbeiten an ihren Laptops, um die eingefangenen Bilder und Eindrücke für die Berichterstattung zu verarbeiten. Es herrschen verschärfte Arbeitsbedingungen im Wüstenschiff: Wie lange hält der Akku? Wann haben wir eine stabile Internetverbindung?

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Es erwarten uns gute Straßenverhältnisse auf dem Weg Richtung Tarfaya. Der Bus rollt tapfer über den Asphalt, die Crew ist gut gelaunt. Der Nebel liegt über dem Sand der Wüste und hüllt die Landschaft in diffuses Licht. Bald schon erheben sich die ersten Sanddünen neben uns, entfernt rauscht das Meer und Kamele begegnen uns.

Berauscht und fasziniert von dieser unwirklichen Welt aus Sand und endloser, menschenleerer Weite meldet sich dann doch ein sehr elementares Bedürfnis bei der Crew. Also hält Willi den Bus an: Pinkelpause.

Viel Zeit bleibt uns nicht, um die Gegend zu bewundern. Das Tagesziel drängt. So bereitet Inge eine kleine Jause im Bus zu und erinnert uns an die erste Tablette der Malariaprophylaxe. Unaufhörlich rollt währenddessen das Wüstenschiff.

Wir freuen uns, da wir Stunde um Stunde die Verzögerungen am Zoll wett machen und die Anstrengungen von Tanger Med immer mehr in Vergessenheit gerät. Bald kann der Zeitplan wie gehabt fortgesetzt werden und in Gedanken rückt Gambia näher.

Da plötzlich, ein Aufschrei. Rene springt aus dem Sitz und rennt in den hinteren Teil des Fahrzeugs. „Stehen bleiben, stehen bleiben!“ ruft er quer durch den Bus. Andi – der mittlerweile am Steuer sitzt, steigt auf die Bremsen. Längst schon hat er den Rauch im Rückspiegel gesehen. Er öffnet die Tür. Rene stürzt mit dem Feuerlöscher hinaus. Der Schock sitzt allen in den Gliedern, aber bald gibt es Entwarnung! Kein Feuer – keine Gefahr.

Doch das Wüstenschiff hat Schiffbruch erlitten – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Dieselleitung ist gebrochen, Treibstoff rinnt aus.21 Leitung

Unsere Mechaniker versuchen, den Schaden zu beheben. Nach einiger Zeit aber ist klar, dass wir ein Ersatzteil brauchen. Und gerade die Dieselzuleitung ist nicht mit im Gepäck.

Wir stehen mitten in der Westsahara, 60 Kilometer vom nächsten Ort entfernt und kommen nicht weiter.

Wie es der Zufall will, ruft Mhamed an. Er möchte sich erkundigen, wann wir Boujdour passieren. Er wünscht sich noch ein Foto mit uns und der hiesigen Projektverantwortlichen von Amis des Écoles. Wir schildern ihm die Situation und Mhamed setzt alle Hebel in Bewegung, um uns zu helfen.

In Boujdour wird ein Ersatzteil aufgetrieben. Willi hält einen Truck an, um dorthin zu kommen. Währenddessen vergehen die Stunden des Wartens in der Westsahara. Geübt aus Tanger Med, begegnet der Rest der Crew der Situation gelassen. Wir trinken Whiskey und lernen andere Reisende kennen.

Ungefähr 3 Stunden später kehrt Willi mit der Projektverantwortlichen Khado und ihrem Bruder Ibrahim zurück. Das Ersatzteil wird eingebaut.

Nach der Reparatur wird der Zündschlüssel gedreht. Doch kaum ist der Motor angesprungen, zerfetzt es die Zuleitung der Kühlflüssigkeit und die Jungs müssen wieder ran. Eine weitere Reparatur für eine Stunde.

Als wir fertig sind, können wir endlich das gewünschte Foto mit Khado und Ibrahim machen.

Die beiden erklären sich bereit, noch mehr ihrer Zeit für uns aufzuwenden, um bei einer Testfahrt hinter uns zu bleiben. Für den Fall, dass noch weitere Probleme auftreten. Wir starten und fahren wenige Meter, doch die neue Leitung hält dem Druck nicht Stand. Das Wüstenschiff streikt.

Mittlerweile ist es Abend geworden und wir stehen unentschlossen in der Wüste. Und da taucht auch noch eine Polizeistreife auf. Ob wir jetzt Probleme bekommen?

Doch Marokko überrascht uns erneut mit seiner Freundlichkeit, denn die Polizisten sind nicht gekommen, um uns zu kontrollieren, sondern um uns zu helfen. Sie bieten uns an, den Bus bei der Polizeistation zu parken, damit wir in Ruhe in ein Hotel nach Boujdour fahren können. Da heute keine Werkstatt mehr offen hat, nehmen wir das Angebot gerne an. Wir klettern in das Auto von Ibrahim und fahren in die Stadt.

Am Ende des Tages erreichen wir das Hotel Taiba und beziehen unsere Zimmer. Was für ein Glück, dass wir Amal und die Leute von Amis des Écoles kennengelernt haben! Dankbar und müde fallen wir ins Bett.

 

 

 

 

(9) Casablanca – Guelmim: Amis des Écoles in Marokko

 

Nach einem köstlichen Frühstück (sensationell: die Zitronentarte) müssen wir leider schon aufbrechen.

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Durch die Verzögerungen in Tanger Med stellen wir uns einem Wettkampf mit der Zeit: Wir müssen unbedingt vor Freitag Mittag die Grenze zu Mauretanien erreicht haben. Denn mit dem Freitagsgebet wird der Zoll geschlossen.

Mit anderen Worten: Wenn wir nicht bis Freitag 8.00 spätestens 9.00 die Grenze erreicht haben, sitzen wir erneut bis Montag fest.

Also planen wir um: Statt in Agadir zu übernachten, versuchen wir die ca. 650 Kilometer bis nach Guelmim zu schaffen. Und wieder ist es Amal, die uns hilfsbereit zur Seite steht.

Nach 12 Stunden Fahrt durch die rote Erde von Marokko, erreichen wir unsere Kontaktperson Mhamed . Er ist uns aus seinem Wohnort Tata fast 290 Kilometer entgegen gefahren, um uns zu hosten.

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Wir sind überwältigt, von dieser Freundlichkeit. In Centre Ville de Guelmim ist bereits alles arrangiert: Der Direktor von der Schule lädt uns in sein Haus ein, wo uns ein köstliches Abendmahl serviert wird. Dann folgt noch eine Überraschung: Der Präsident und der Generalsekretär von Amis des Écoles (*) erweisen uns die Ehre und essen mit uns zu Abend.

Dampfende Schüsseln mit Couscous, Gemüse und Lamm hat die Gattin des Direktors für uns zubereitet. Fadma muss dafür stundenlang in der Küche gestanden haben, denn die kleinen Tische vor den bunten Diwans biegen sich vor lauter Köstlichkeiten.

Direktor und Hammel

Wir lernen, die Mahlzeit gemeinsam aus den großen Prunkschüsseln zu essen – wer will auch mit der rechten Hand. Dazu wird aus Schälchen Milch dazu getrunken oder auch mit Couscous vermischt genossen. Der Direktor erklärt uns, dass es sich dabei um Milch von jungen Kamelen handelt und lacht aus voller Brust.

Der Direktor, der Präsident und der Generalsekretär werden nicht müde, uns mit Späßen zu unterhalten und uns mehr und mehr Essen anzubieten. Wir lachen gemeinsam und lassen es uns gut gehen.

Groupe Guelmim

Irgendwann können wir nicht mehr. Hamdala – das ist der Ausdruck für „voll“, bei dem man sich genüsslich zurücklehnt und die Beine von sich streckt. Jetzt ist es Zeit für den Tee, den uns der Generalsekretär einschenkt. Dies wirkt fasst wie eine Zeremonie: die silberne Kanne wird hoch in die Luft gehalten, dass der Tee in einem kräftigen Strahl fast 50 Zentimeter in das kleine, zierliche Teeglas rauscht. Unsere Gastgeber schaffen das, ohne einen Tropfen daneben zu gießen.

Teekanne

Auch Philip versucht sich daran, doch scheitert er in letzter Minute. Trotzdem bringt ihm die Situation den Respekt des Generalsekretärs ein, der ihn mit einem Handshake würdigt.

Der Abend wird zur Nacht und der Aufbruch naht. Leider können wir nicht lange bleiben, sondern nur ein paar Stunden ausruhen. Unser Wecker ist auf 3.30 gestellt.
Schnell tauschen wir noch Kontaktdaten, bevor wir uns auf dem Diwan zur Ruhe legen.

Die Nacht ist viel zu kurz. Müde frühstücken wir und brechen dann auf. Die Gastfreundlichkeit der Menschen in Marokko wird uns lange in Erinnerung bleiben. Das wenigste wird hier geteilt, ohne es auch nur im Geringsten in Frage zu stellen.

Gerührt von so viel Herzlichkeit und mit tiefer Dankbarkeit besteigen wir das Wüstenschiff. Willi lenkt es durch die schmale Ausfahrt des Innenhofs, die letze Verabschiedung und um 5.00 morgens starten wir in Richtung Ad-Dakhla.
960 Kilometer liegen vor uns, an diesem Morgen im sandigen Südmarokko.

(*) Nachtrag: Wir kommunizieren mit Händen und Füßen, auf Englisch und Brocken von Französisch. Wir freuen uns über jede gelungene Kommunikation. Im Nachhinein aber wurde uns erklärt: Wir trafen den Bürgermeister von dem kleinen Ort. Es gibt nur einen Präsident von Amis des Écoles: Unsere wunderbare Gastgeberin in Casablanca: Amal.

Bus Lichter